szmmctag

  • Look good, feel better

    Look good, feel better heisst übersetzt: Schminkkurs für Krebskranke.
    So kam es, dass ich am letzten Donnerstag in Zürich mit 7 anderen betroffenen Frauen an einem grossen Tisch sass. Vor mir ein Spiegel und eine Tasche, gefüllt mit Pflege- und Schminkprodukten.
    In 2 Stunden lernen wir, wie wir uns aus bleichen, wimpernlosen, unscheinbaren Wesen in hübsche, strahlende Frauen verwandeln können.
    Zuerst sitze ich ratlos vor all den Töpfen und Tuben, aber dank der Unterstützung der zwei Fachfrauen weiss ich bald, welche Creme ich nur mit dem Ringfinger einklöpfeln darf, und was grossflächig aufgeschmiert werden muss. Schwieriger wird es dann bei den farbigen Sachen. Lidstrich ohne Brille? – Das kann ins Auge gehen.
    Lidschatten? Etwas zu viel und schon werde ich zum Vamp. Rouge auf den Wangenknochen? Da mutiere ich zu Rotkäppchen mit den roten Bäcklein. Mascara ist einfach. Soviel dran wie drauf mag.
    Dann zum Schluss der Lippenstift. So werde ich endgültig zur Diva.
    Als alle ihre Perücken wieder aufgesetzt haben kommt der Blick in die Runde. Alle sehen verändert und auch etwas selbstbewusster aus. Was so ein bisschen Farbe ausmacht…
    Ich hüpfe also zurück durch Zürichs Strassen und lächle alle an.
    Doch schon am nächsten Tag ist mir die Lust auf die lange Prozedur vergangen. Ihr werdet mich also auch in Zukunft selten geschminkt antreffen. Na ja, ich sehe auch so gut aus und fühle mich besser…
    Und noch etwas: Es gibt KEIN Foto vom geschminkten Gesicht!

  • Biopsie und Tisch

    Gestern Abend kam der Anruf meines lieben Professors: Es wurden keine Krebszellen gefunden bei meiner Biopsie.
    Das hat mich natürlich riesig gefreut. So muss ich mich nicht sofort einer Chemo unterziehen, sondern kann weiterhin abwarten, bis eine Spender gefunden wird.
    Je länger es dauert, und je gesünder ich mich fühle, umso mehr zweifle ich daran, ob der Entschluss zur Transplantation der richtige war. Was, wenn ich jetzt schon gesund bin? Wieso unterziehe ich mich überhaupt dieser risikoreichen und langen Behandlung, wenn es vielleicht auch ohne ginge? Soviel ich überlege und die Gedanken kreisen lasse- ich komme zu keinem Entschluss. Was der Mediziner sagt, ist klar- was ich will wird mir immer unklarer.

    Klar ist mir endlich, was für einen Esstisch ich will. Auch dies ein wichtiges Thema. Bis jetzt habe ich mit einem ewigen Provisorium gelebt, doch das soll sich ändern.
    Ein Esstisch hat für mich eine grosse Bedeutung:
    Er ist ein Ort der Begegnung. Dort wird gegessen, geschwatzt oder Kaffee getrunken mit der Familie oder den Freundinnen.
    Er ist ein Arbeitsplatz. Dort werden Scherenschnitte entworfen, Kleider genäht und der Laptop hingestellt.
    Er ist ein Spielplatz. Dort werden Spiele gespielt mit Freunden und Kindern.
    Er ist ein Ablageplatz. Dort stapeln sich alle Sachen, die im Vorbeigehen schnell abgelegt werden.
    Ach ja, er ist auch ein Essplatz.
    Ich habe einen Schreiner gefunden, der in 8 Monaten jeden Tisch nach Belieben herstellt. Meinen Auftrag wird er jedoch prioritär behandeln und er wird schon in einem Monat geliefert.
    Was ich gewählt habe: Ein Tisch gross genug für das obgenannte, hart genug für jede Beanspruchung und wild und natürlich gewachsen, wie das Leben sein sollte.

  • Loslassen

    Am letzten Mittwoch musste ich zur Knochenmarkbiopsie. Ohne Narkose ist das ein wenig schmerzhaft und auch danach ist 2 Tage lang der Einstich am Becken spürbar. Das Ergebnis der Untersuchung hat sich leider verzögert, da wohl auch das Labor an Auffahrt nicht arbeitet. So bin ich im Moment noch im Ungewisssen, ob sich wieder neue Leukämiezellen eingefunden haben.
    Das würde ich aber den Zellen sehr übel nehmen, denn ich habe nun wirklich absolut keine Zeit für einen ungeplanten Spitalaufenthalt.
    Im Moment beschäftigt mich mein Umzug sehr.
    Ich habe mir vorgenommen, alle meine Sachen auf ihre Daseinsberechtigung zu überprüfen, bevor sie in die Umzugskiste wandern. Dabei helfen mir die Fragen;
    - Wusste ich, dass ich dies hatte, bevor ich es gerade sah?
    - Gehört es überhaupt mir?
    - Brauche ich es noch?
    - Vermisse ich es, wenn ich es nicht mehr habe?
    Danach wird sortiert: -Verschenken, wegwerfen, Brockenhaus oder behalten.
    Aber eben: Trennung von etwas bedeutet Trauerarbeit- so auch bei jedem Ding, das ich weggeben sollte.
    Und wenn ich es genau dann vermisse oder brauche, kaum habe ich es entsorgt? Ist es da nicht besser, gleich alles zu behalten?
    Auch Dinge, von denen ich nichts mehr gewusst habe, beschäftigen mich stundenlang:
    Die Girlanden von lang zurückliegende Familienfesten, Kerzen, die noch nicht ganz abgebrannt sind, Heftli, in denen ich noch nicht alle Artikel gelesen habe, schicke Kleider, die sicher wieder einmal in Mode komme, wenn ich noch einige Jahre Geduld habe, liebevolle Neujahrskärtchen von ebenso lieben Menschen, Waschlappen, die ich zur Konfirmation erhalten habe und immer noch waschen…
    Alles Dinge, die noch brauchbar sind.
    So ist es heute nach Mitternacht geworden. Im Wohnzimmer stapeln sich Papierstapel und Material. Vielleicht komme ich ja morgen zu einer Entscheidung. Und sonst ist es auch nicht so schlimm. Ich habe noch Zeit bis Ende Juni um mich endgültig festzulegen, was mit mir umziehen darf und was nicht.
    Ein schweres Stück Arbeit.

  • Noch mehr Reisen

    So etwas habe ich kaum einmal gemacht: Kaum zu Hause packte ich nur schnell meine Taschen um, damit eine weitere Reise losgehen konnte.
    Die Reise mit der nächsten Tochter ging nach Nizza. Sie hatte sich das gewünscht, um mir zu zeigen, wo sie vor einem Jahr ihren Sprachaufenthalt gemacht hat. Diesmal waren wir 3 Tage unterwegs. Noch nie hatten nur wir zwei zusammen so viele Stunden miteinander verbracht. Ich lernte meine Tochter von einer neuen Seite kennen. Sie war meine Stadtführerin, kannte die richtigen Buslinien und zeigte mir die schönsten Plätze in Nizza. Ich liess mich treiben mit der neuen Erfahrung, dass nicht wie bisher ich die Person war, die das Tagesprogramm machte.
    Nur das Hotel hatte ich schon vorbestellt. Und was für eines! Hypermodern, farbig, ausgeflippt- Meine Tochter hatte ein Zimmer mit intergriertem Bad. Wie das aussah?
    Die Toilette und auch die Dusche standen auf gläsernen Podesten im Raum und mussten über eine kleine Treppe erstiegen werden. Da sitzt man wirklich auf dem „Thron“ und schaut aus der verglasten, offenen Kabine ins Zimmer herab. Eine Weile brauchte es, bis wir auch die ganze Technik des Raumes durchschaut hatten und nicht das Licht anging, statt dass sich der Rolladen senkte. Eine echte Herausforderung!
    Trotz zeitweisem Regen war die Reise nach Nizza ein unvergessliches Erlebnis.
    Spätabends kamen wir zu Hause an und am nächsten Tag stand ich am Morgen schon wieder auf dem Bahnhof. Nun erfüllte ich den Reisewunsch meines Sohnes:
    Ich wusste, dass mich eine Reise mit der Eisenbahn durch die Schweiz erwartet- mehr wollte er nicht verraten. Ich hatte mich auf 2 Tage sitzen und aus dem Fenster schauen eingestellt, doch diese Reise brachte viel Abwechslung und Entdeckungen.
    Hier die Reiseroute:
    1. Tag: Winterthur-Luzern-Schifffahrt mit dem Dampfschiff bis Flüelen-Andermatt-Oberalppass-Disentis-Thusis-Filisur
    2. Tag: Flilisur-Albulatunnel-Bever-Berninapass-Tirano. Tirano-Berninapass-Zernez-Vereinatunnel-Landquart-Zürich- Winterthur
    Ich muss zugeben, ich habe wunderschöne Landschaften gesehen, die ich nur von Prospekten kannte. Wir kamen an blühenden Bäumen, Gletschern und reissenden Flüssen vorbei. Fasziniert war ich auch vom Kreisviadukt in Brusio.
    Natürlich bekam ich auf der ganzen Reise hochqualifizierte Erklärungen und Auskünfte vom besten Eisenbahnkenner der Schweiz.
    Es war auch auf dieser Reise für mich ganz unerwartet, mich einfach treiben zu lassen und der Reiseführung zu vertrauen. Wie viele Jahre habe immer ich organisiert, geführt und war besorgt um das Gelingen.
    An dieser Stelle möchte ich meinen 4 Kindern einen herzlichen Dank ausrichten für die tollen, unvergesslichen, erlebnisreichen Tage, die ich durch sie erleben durfte. Jede Reise für sich war speziell und hat mir viel Spass und Befriedigung bereitet.
    Diese Tage sind mir viel wert und werden mich in Gedanken immer begleiten.

  • Erlebnisreiche Tage

    Letzte Woche verbrachte ich einige erholsame Tage bei meiner Schwester in Dänemark. Die Sonne schien jeden Tag warm, sogar als in der Schweiz der Kälteeinbruch mit Schneefall war .Macht mich also nicht mehr verantwortlich für den Schnee!
    Es waren Tage gefüllt mit Gesprächen, langen Spaziergängen am windigen Meer, vielen Lesepausen und feinen Mahlzeiten. Zudem genoss ich zum erstenmal in meinem Leben eine Ganzkörpermassage, ein Wohlfühlgeburtstagsgeschenk von zwei meiner Schwestern. Ich weiss gar nicht, wieso ich so lange gebraucht habe um eine Massage über mich ergehen zu lassen- es hat mir sogar gefallen!
    Die Zeit ging wie im Fluge vorbei. Mein lieber Schwager war sicher froh, als ich wieder abreiste. Nicht etwa, weil wir beiden Frauen ständig geschwatzt haben, während dem er mit dem Hausbau beschäftigt war, sondern weil der arme Mann in dieser Zeit am Boden schlafen musste im Schrankzimmer. Ja, er hat mir tatsächlich ohne Murren sein Zimmer überlassen.
    Kurz gesagt: Die Tage in Dänemark waren wirklich erholsam für Körper und Seele!
    Kaum zu Hause ging es weiter mit der Erfüllung der Kinderwünsche. Mit meiner ältesten Tochter war ich im Europapark,nun wünschte sich meine jüngste Tochter einen Aufenthalt im Erlebnisbad Morschach. Zum Glück hatte ich schon früher für eine passende Badekappe gesorgt. Doch als wir im Bad ankamen beschloss ich, mich hier erstmals ohne Perücke oder Badekappe unter die Leute zu mischen. Nur schon die Vorstellung, mich mit der warmen Badekappe in die Dampfbäder und die Krätersauna zu begeben löste in meinen Gedanken einen Hitzeschlag aus.
    Zudem sind meine Haare im Moment so weit nachgewachsen, dass sie als raspelkurze ultramoderne Frisur durchgehen kann. So genoss ich mit meiner Tochter die Therme mit den verschiedenen wohltuenden Anwendungen und anschliessend das Aussenbad mit Blick in die schneebedeckten Berge. Es war einfach grandios. Einen weiteren Vorteil hat meine hypermoderne Frisur zusätzlich: Es braucht kaum Zeit um die Haare trocken zu föhnen!
    Nach einem lauschigen Frühlingsabend ging am nächsten Tag die Fahrt weiter nach Arth Goldau. Im Tierpark fütterten wir 3 Stunden lang Rehe, aufdringliche Ziegen und ängstliche Mufflons. Sogar die Fische im Teich bekamen noch etwas Tierfutter von uns. Nach diesen Kindheitserinnerungen machten wir einen Abstecher nach Luzern und liessen uns wie echte Touristen mit der Kapellbrücke im Hintergrund fotografieren. Damit das Ganze auch stimmig ist, drückte ich den Fotoapparat englisch sprechenden Touristen in die Hand. Wie oft habe ich schon Touristen fotografiert! Sollten sie doch dasselbe auch einmal für Schweizer machen!
    Vollbepackt mit Einkaufstüten machten wir uns auf den Heimweg. Wieder waren zwei wundervolle Tage vergangen.
    Ich weiss, was ich in den letzten Tagen erlebt habe und in den kommenden noch erleben werde, tönt beneidenswert. Wann nehmen wir uns so viel Zeit, um das zu tun, was uns gefällt? Wann haben wir in unserer hektischen Zeit überhaupt die Muse dazu?
    Ich überlege mir oft, wieso ich erst so krank werden musste, um auf solche Ideen zu kommen. Obwohl alle Reisen und Erlebnisse eine grosse Befriedigung bringen, schwingt doch auch immer eine Wehmut mit. Manchmal sogar Angst, dass sich diese schönen Momente nie mehr wiederholen lassen. Geniesse ich deshalb alles so intensiv?

  • Die Tage geniessen

    Ja, das war ein spannender Nachmittag gestern.
    Von 13-17 Uhr stand meine Wohnung allen Mietinteressenten offen. Es war seltsam, so viele fremde Leute durch meine Wohnung gehen zu sehen.
    Gleichzeitig war es aber auch interessant, all die verschiedenen Menschen zu studieren, die da durch die Türe kamen.
    Da gab es wortkarge, die hastig von Raum zu Raum schritten, ein Paar, das mir seine Geschichte erzählte, wieso sie dringend eine Wohnung suchen, eine junge Lehrerin, die mit ihrer Kollegin zusammenziehen will, ein Vater mit Teenagertöchtern, denen ihr Handy wichtiger war als die Wohnung.
    Da war auch das Schickimickipaar, dass sich erkundigte, ob es auch 3 Autoabstellplätze mieten könne, dem der Balkon oder die Aussicht aber egal waren, da sie sowieso selten zu Hause seien. Oder der Familienvater, der alleine kam um für sich, seine Frau und Kinder das Objekt zu besichtigen. Ich wunderte mich etwas, denn welche Frau möchte nicht selbst die Küche, die Badezimmer und die Zimmer für die Kinder inspizieren. Gefallen hat mir auch ein schüchternes Paar, das seine Schuhe vor der Wohnung schon auszog und baarfuss durch die Zimmer schritt. Oder das kleine Mädchen, das mir stolz sein neues Sändelizeug vorführte, während dem die Eltern die Wohnung besichtigten.
    Ich bin froh, muss ich aus all den vielen Menschen keine Auswahl treffen und kann das alles der Immobiliengesellschaft überlassen.
    Am liebsten würde ich jetzt gleich alles einpacken, doch heute hat mich das schöne Wetter aus dem Haus gelockt. Natürlich scheint die Sonne nur für mich. Nach den weissen Ostern und dem letzten Tag auf der Piste wünschte ich mir den Sommer her und voilà- hier ist er.
    Ich habe dabei oft an meine ehemalige Zimmernachbarin R. gedacht, die im Moment keine Kraft hat, ihre Wohnung zu verlassen. Beim letzten Telefongespräch habe ich ihr die Frage gestellt, was sie anders gemacht hätte, wenn sie gewusst hätte, was auf sie zukommt. Ihre ehrliche Antwort war: Ich hätte mehr Geld für schöne Sachen ausgegeben und nicht immer gespart und ich hätte die schönen Momente bewusster und intensiver genossen.
    Den letzten Rat versuche ich seit meiner Spitalentlassung bewusst umzusetzen und versuche jeden Tag etwas schönes, positives zu erleben, was mir auch meist gelingt. Oft sind es die leisen, kleinen Sachen und Begebenheiten, die glücklich machen.
    Liebe Menschen, Begegnungen, Erlebnisse, Gespräche, aber auch ein gutes Buch, ein bewusst genossenes Glas Wein , ein fertiger Scherenschnitt, oder wie heute, die ersten warmen Sonnenstrahlen.
    Ich geniesse jeden Tag!

  • Das Kind in mir

    Ja, die Perücke ist achterbahnfest!
    2 Tage lang habe ich sie den härtesten Tests unterzogen:
    Wodan, Euro Mir, Euro Sat, Blue fire und wie die verrückten Achterbahnen alle heissen; Loopings, Drehungen, Blitzstarts, rauf und runter, alles, alles habe ich mitgemacht. Da es so wenig Leute im Europapark hatte, konnte ich alle Bahnen gleich mehrmals geniessen.
    Ich muss zugeben, anfangs war mir bei der Vorstellung, mich auf die schwindelerregenden Achterbahnen zu begeben schon etwas mulmig. Zur Sicherheit habe ich mir noch eine Tablette gegen Reisekrankheit eingeworfen, damit ich das Geschüttle und Geschauckle heil überstehe.
    Aber ob all die Wagen halten auf diesen Bahnen? Was mache ich, wenn ich mitten auf der Bahn Angst bekomme und zurück will?
    Doch dann habe ich mir gesagt: Was kann mir denn schon Schlimmes geschehen?
    Zweimal Chemo überstehen ist auch schlimm- und ich habe auch das geschafft. Also rauf auf die Achterbahn und geniessen!

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    Ein bisschen bin ich sogar stolz auf mich, dass ich meine Angst und meine schlotternden Knie überwinden konnte und auf alle Bahnen mitging, die meine Tochter vorschlug. Ob Schneeflöckenbahn, Laserpistolenschiessen, Wasserrutsche, Alpenblitz oder Geisterbahn: Überall war ich neugierig mit dabei.
    Das Kind in mir wurde geweckt und so erlebte ich zwei lustige, kurzweilige, spannende und erlebnisreiche Tage.

  • Positiver Stress

    Endlich habe ich viel freie Zeit. Und die will ich, wie schon im letzten Blog beschrieben habe, mit vielen erfreulichen, lustigen, spannenden Tagen füllen.
    So habe ich jedem meiner 4 Kinder meine Zeit zur Verfügung gestellt.
    Jedes darf 2 Tage mit mir planen, ohne dass ich auf ihre Entscheidung Einfluss nehme. Ich war gespannt, was dabei herauskommt. Nun ist mein April mit neuen Erfahrungen und Erlebnissen gefüllt.
    Schon übermorgen geht es los mit dem 1. Wunsch: Ich werde zwei Tage im Europapark verbringen und die Nacht stilvoll in einer Burg in einem Ritterzimmer verbringen. Ob da ein lang gehegter Kindheitstraum meiner ältesten Tochter zum Vorschein kommt?
    Ich bin auf jeden Fall froh, dass meine Perücke als achterbahnsicher angepriesen wird. Ich werde sie wohl zusätzlich noch festbinden, damit mir nicht plötzlich die Haare davonfliegen…
    Als nächstes erhole ich mich einige Tage bei meiner Schwester in Dänemark mit langen Strandspaziergängen und noch längeren Plauderstunden.
    Danach bin ich bereit für die nächsten geplanten Ausflüge: Es geht 2 Tage nach Morschach in ein Erlebnisbad. Nur schon der Badkappenkauf letzte Woche war ein Erlebnis. Ich konnte wählen zwischen Modell „bunte Blumenwiese“ (Vollgummi), dem Modell „Pampers am Kopf“ und dem Modell“ blaue Rüschchen“.
    Ich habe mich dann für das bequemste Häubchen entschieden.
    Frisch gebadet fliege ich einige Tage später nach Nizza, wo hoffentlich die Sonne scheint. Das Hotel sieht im Internet völlig ausgeflippt aus. Bunt, schrill, irr und dazu eine Dachterrasse um den Sonnenuntergang bei einem Drink zu geniessen.
    Kaum zu Hause geht es am nächsten Tag los auf einen Ausflug mit meinem Sohn.
    Da muss ich wohl wenig erklären. Wir fahren 2 Tage Zug rund um die Schweiz. Den genauen Fahrplan kenne ich nicht. Ich weiss nur, dass wir kaum Zeit haben, eine Stadt auf der Durchfahrt zu erkunden, da sonst zu viele wertvolle Fahrminuten verloren gehen würden. Ich bin sehr gespannt welche Ecken der Schweiz wir befahren werden.
    So hat sich mein April schnell gefüllt. Nun muss ich schauen, wie ich meine Arztbesuche noch unterbringe…
    Dazu kommt, dass am Samstag schon erste Interessenten für meine Wohnung zur Besichtigung kommen. Aufräumen ist angesagt!
    Stolz bin ich auch, dass ich bereits 3 Kisten gepackt habe. Naja, so richtig viel ist es nicht. Aber stolz bin ich trotzdem.
    Ach ja, und an einem Scherenschnitt mit dem Titel „Reisefieber“ arbeite ich auch.
    So ein Stress!

  • Vielleicht heisse ich Frederick?

    Am Ostermontag stand ich zum Saisonschluss nochmals auf den Skiern. Es war ein Tag, wie aus dem Bilderbuch. Sonne, tolle Piste und nicht viele Leute.
    Ich genoss jede Abfahrt enorm. So habe ich den Winter doch noch zurück erhalten. Nun kann es Sommer werden, denn den verpasse ich ziemlich sicher auch.
    Noch weiss ich nicht, wann ich ins Spital einrücken muss.
    Ich weiss nur, dass ich einen Monat vorher Bescheid bekomme.
    So lebe ich in einem ständigen Countdown. Jeden Tag denke ich: noch 30 Tage.
    Diese Tage sind sehr wertvoll. Ich weiss nicht, wann ich wieder so fit bin und aktiv sein kann wie jetzt.
    So versuche ich die Tage mit erfreulichen Begegnungen, schönen Momenten und lustigen Augenblicken zu füllen. Es gibt keine sinnlose, langweilige Tage mehr. Wie vergeudet wäre die kostbare Zeit!
    Natürlich sind da all die täglichen lästigen Haushalts – Pflichten. Oder die unnötige Steuererklärung. Oder die Rechnungen, die bezahlt werden müssen. Aber daneben habe ich zum erstenmal im Leben Zeit. Zeit für andere, Zeit für mich.
    Da die Zeit jedoch so kostbar ist, stopfe ich die Tage voll mit allem, was ich vor- und nachholen will, bevor ich wieder eintreten muss.
    Die Zeit wird nicht reichen, all das zu unternehmen, was ich noch wollte, bevor die nächste Chemo mir alle Kraft aus den Adern spült.
    Kann ich auf Vorrat Erlebnisse sammeln, Düfte speichern, Lachen einfangen, Stimmungen aufnehmen um sie in meinen isolierten Zeiten im Spitalbett wieder abzurufen?
    Wer das Bilderbuch „Frederick“ der kleinen Maus von Leo Lionni kennt, weiss wovon ich spreche.
    Während dem alle Mäuse Wintervorräte sammeln, sitzt Frederick auf einem Stein und hilft nicht mit. Die Mäuse fragen ihn immer wieder, wieso er nicht mithilft und nur faul dasitzt. Er antwortet ihnen auf jede Frage, dass er die Farben sammelt, dass er Wörter und Sonnenstrahlen sammelt. Sie finden ihn sehr seltsam und sehr faul. Als dann die Mäuseschar im Winter vor ihren Vorräten sitzt und auf den Frühling hofft, der sie wieder an die Erdoberfläche lockt, verkürzt Frederick ihnen die Zeit, indem er ihnen Geschichten erzählt von Farben, Gerüchen und Bildern, die er in sich gespeichert hat, als sie die Vorräte gesammelt haben.
    Vielleicht bin ich ein Frederick, der ganz viele Erlebnisse speichern muss, um davon in trostlosen Zeiten zu zehren ?

  • Ich bin ein Glückspilz

    Schon seit einiger Zeit sehne ich mich wieder zurück aufs Land. Die Anonymität hier in diesem Stadtquartier und die Distanz zu „meinem“ Dorf haben mich in letzter Zeit mehr und mehr beschäftigt.
    Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie es nach meinem Krankenhausaufenthalt weitergehen soll, wenn ich in meiner Stadtwohnung isoliert leben muss.
    Jede Besorgung, alle Treffen müssen vorher abgemacht werden. Wenn ich dann endlich wieder etwas an der frischen Luft spazieren darf, so begegne ich hier keinem bekannten Gesicht.
    So kam ich zum Schluss, dass es für mein Wohlbefinden besser ist, wenn ich wieder in das Dorf zurückziehe, wo ich vor 2 ½ Jahren weggezogen bin.
    Dort fühle ich mich geborgen, kenne viele Leute, fühle mich nicht einsam.
    Durch eine Verknüpfung von glücklichen Zufällen sah ich am Dienstag eine passende Wohnung im Internet, konnte sie am Mittwochmorgen anschauen und gleich danach den Mietvertrag unterschreiben.
    So habe ich ab dem 1. Juni eine neue Bleibe, werde aber bis zum 1. Juli noch meine Stadtwohnung haben.
    Ein dummer Zeitpunkt um umzuziehen. Doch wann ergibt sich wieder diese Gelegenheit? Und ab wann hätte ich wieder die Kraft einen Umzug in Betracht zu ziehen? Bis dann wären einige einsame Monate vergangen.
    So aber freue ich mich riesig auf mein „Heimkommen“.
    Ich bin überzeugt, dass ich ganz viele spontane HelferInnen finden werde, die meine Unterhosen und Bücher in Kartons verpacken falls ich schon bald ins Spital müsste.
    Und für die grossen Möbel und die Schlussreinigung gibt es professionelle Betriebe.
    So freue ich mich einfach auf den Neuanfang: Neues Blut, neue Haare, neue Wohnung…was will ich noch mehr?

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